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Kleine Endspielecke: Dame gegen Turm und Bauer – remis oder nicht?

Wie in Maxis sehr lesenswertem Artikel über das letzte Oberliga-Wochenende ausgeführt, haben wir neben vielen zentralen Themen der Zeit (Highlights aus dem aktuellen Dschungel-Camp; wieso kommt Emery mit nur 3 Stunden Schlaf aus und gewinnt trotzdem fast immer?) via Holgers Partie auch über das superinteressante 😉  Thema gesprochen, wann Turm und Bauer gegen Dame eigentlich Remis ist? Oder ist es das überhaupt?

Mein gesundes Halbwissen ließ mich nicht komplett im Stich, aber ganz korrekt konnte ich das Ganze doch nicht mit Wiedergeben. Bevor es losgeht, eins noch vorab: man kann nicht alle konkreten Endspielstellungen auswendig lernen. Es bietet sich aber an, dass man einige wichtige Positionen abrufen kann. Ich habe diese folglich extra gekennzeichnet. Genug des Vorgeplänkels. Laßt uns in medias res gehen.

A) Der Verteidiger hat seinen Bauern noch auf der Grundreihe stehen

Die wichtigste Standardstellung, quasi der röhrende Hirsch unter den Dame gegen Turm + Bauer-Stellungen, ist die folgende.

Wichtige Stellung: Remis – egal wer am Zug ist!

Der Witz ist, dass der schwarze Monarch nicht aus seinem gemütlichen Randleben gedrängt werden kann. Zugleich zieht er einfach mit seinem Turm auf den beiden Feldern hin- und her, die vom Bauern gedeckt werden. Dies verbietet dem weißen den Zutritt ins schwarze Lager. Das wäre aber nötig, um den Bauern ein zweites Mal anzugreifen. Zum Beispiel 1.Db8+ Ke7 2.Kb5 Te6 3.Kc5 Tc6+ 4.Kd5 Te6.

Der weiße König kann den Rubikon, der hier durch die sechste Reihe dargestellt wird, nicht überqueren!

Das gleiche gilt auch in den allermeisten Fällen, wenn der Bauer der verteidigenden Partei ein Randbauer ist. Folgende Stellung ist also auch Remis:

Remis, allerdings gilt es eine Besonderheit zu beachten!

Immer wenn sich der angreifende König in die Nähe von c5 (oder f5, bzw. bei vertauschten Farben eben c4 oder f4) nähert soll Schwarz so schnell wie möglich den Bauern ein Feld vorrücken, um dem eigenen König mehr Luft zu verschaffen und den Gegner möglichst auf Abstand zu halten. 1…a6! Sehen wir uns an, was passiert, wenn Schwarz unvorsichtig spielt: 1…Kb7? 2.Kc5!

Glaubt es oder glaubt es nicht, diese Stellung ist für Schwarz verloren. Zum Beispiel: 2…Tc6+ 3.Kd5 Tb6

und nachdem Weiß die eine Figur maximal zentralisiert hat folgt nun die nächste. 4.Dh7+. Wohin mit dem King? Schauen wir uns einige Varianten an:

(a) 4…Ka6 5.Dd7. Zugzwang! Nach 5…Ka5 geht der Bauer verloren also muß der Turm leider seinen Schutz auf b6 verlassen. Zum Beispiel: 5…Tb1

6.Da4+ Kb7 7.Kd6 und Weiß hat es tatsächlich geschafft die sechste Reihe zu überqueren. 7…Tb6+ 8.Kd7 Kb8.

9.Dc4 Tb7+ (9…Kb7 10.Dc8 Matt!) 10.Kd8 mit Mattdrohung auf c8. 10…a6 kommt leider deutlich zu spät. Wie gesagt, der zentrale Gewinnweg des Weissen besteht darin, in die Nähe seines Widersachers zu gelangen. Die kritische sechste Reihe muß Schwarz durch das Mittel des Zugzwangs aufgeben. 11.Df4 Ka7

12.Kc8. Da der schwarze Anführer bereits unter akuter Atemnot leidet, tritt der die Flucht nach vorn an! 12…Kb6 13.Db4+ Kc6 14.Dxb7 mit Turmgewinn. Aber auch das Verweilen in der Ecke bringt nichts ein: 12…Tb5 13.Df7+ Ka8 14.Dc7 und mal wieder – Zugzwang!

Beispielhaft: 14…Tb1 und nun startet die weiße Dame ein sehr lehrreiches Zick-Zack Manöver: 14.Dc6 Ka7 15.Dc5+ Ka8 (18…Tb6 19.Kc7) 16.Dd5+ Ka7 17.Dd4+ Ka8

18.De4+ nebst Dxb1.

(b) 4…Kc8 5.Da7 Kb8 6.Kc5 Ka8 7.Dc7 und mal wieder haben wir Zugzwang auf dem Brett und nach

7…Tb7 8.Dc8 Tb8 9.Dc6 erfolgt der Gewinn auf den bereits bekannten Pfaden, also der Königsüberquerung der sechsten Reihe im Rücken der Dame!

Wie erwähnt, kann sich Schwarz dies alles schenken sofern er im 4. Zug die Feinheit …a6 findet. Der Witz ist, dass nun die Zugzwang Motive nicht funktionieren, da der Verteidiger immer über genug Luft verfügt. Bitte selbst überprüfen!

B) Der Bauer des Verteidigers steht auf der sechste Reihe

Damit können wir natürlich schön auf den Bauern auf der sechsten Reihe überleiten. Wie gesehen, ist die lapidare Antwort beim Randbauern – Remis!

Wichtige Stellungen: Randbauer (und Springerbauern!) machen Remis!

Schwarz muß nur nach bereits bekannten Regeln vorgehen: nicht die sechste Reihe preissgeben und sich nicht in Zugzwang setzen lassen!

Also nochmal: Remis mit Bauern auf dem Ursprungsfeld (etwas aufpassen, wenn man mit dem Randbauern übrigbleibt, den man am besten ein Feld vorrückt. Denn bei Bauern auf der sechsten Reihe gilt: Rand und Springerbauern machen in der Regel leicht Remis). Hingegen verlieren Zentral- und Läuferbauern auf der sechste Reihe leider immer! Der Grund hierfür ist, dass die gegnerische Dame zuviel Platz auf beiden Seiten des Brettes hat und durch geschicktes Manövrieren den schwarzen König aus seinem Verließ treiben kann!

Wichtige Stellung: Läufer- und Zentralbauern verlieren auf der sechsten Reihe immer!

Der Plan der stärkeren Partie verläuft hierbei immer nach dem gleichen Muster:

  1. Maximale Zentralisierung des Königs
  2. Eindringen der Dame und Erkämpfung des Feldes direkt hinter dem Bauern und Vertreibung des gegnerischen Königs aus seinen Schlafgemächern vor den Bauern
  3. Abdrängen des Turmes, so dass dieser die fünfte Reihe verlassen muss
  4. Überquerung des Köngis der fünften Reihe und Heranführung an den Bauern
  5. Eroberung des Bauern mit elementarer Gewinnstellung.

Schauen wir uns zum Beispiel das untere der beiden Diagramme genauer an.

1.Kf4 Te5 Teil 1 des Planes – check!

2.Da1 Tc5 3.Dg7+ Kd8 3.Df6 Kd7 (der Bauer hing!) 4.Df7+ Kd8 5.De6+ Kc7 6.De7+ Kc6 (der König muß am Bauern kleben bleiben).

7.Dd8. Ein trickreicher Zug. Schwarz kann das Feld d7 nicht mehr lange verteidigen. 7…Te5 8.Dc8 Kd5 (der König muss die natürliche Verteidigungslinie e5-c5 unterbrechen, oder 8…Kb6 9.Dd7 Kc5)

10.Dd7. Teil 2 des Planes – erfüllt! 10…Kc5 11.Db7 Te2 Teil 3 – check! (oder 11…Kd4 12.Dc6 Td5 13.Kf3

Bauer und Turm ziehen nicht, also bleibt nur 13…Ke5 14.Dc3 Kf5 (14…Td4 15.Ke3 gewinnt den Turm!) 15.Dc4 Tc5 (15…Ke5 16.De4+ – dito!)

16.Df7+ Ke5 17.De7 (17…Kd5 18.De4+ Matt!) nebst Dxd6 und Bauerngewinn.) 12.Dc7 Kd5

13.Kf5 Te5+ 14.Kf6 (4. Teil des Planes – erfüllt!) Te6+ 15.Kf7 Te5 16.Db7+ Kc5 17.Kf6 Td5 18.Ke6 Te5+ 19.Kd7 mit Gewinn (Teil 5!).

Jetzt wird auch klarer, warum der Springer- und Randbauer auf der sechsten Reihe Remis hält: der schwarze König kann nicht herausgezwungen werden, denn er hat ebendort genug Platz. Für die raumgreifenden Schritte der Dame gilt dies jedoch gerade nicht. Darüber hinaus kann der schwarze Anführer auch nicht so in die Enge getrieben werden, dass der Turm den Schutz des Bauern verlassen müsste. Am besten selbst mal ausprobieren!

C) Der Bauer des Verteidigers steht auf der fünften Reihe oder noch weiter vorne

Bei Bauern auf der fünften oder vierten Reihe gilt: mit Ausnahme des Springerbauern sind diese Stellungen normalerweise verloren. Erst bei Bauern, die die dritte Reihe erreicht haben, ist die Stellung wieder durchweg Remis, da der Verteidiger sich zwischen Bauer, Turm und Grundreihe ein Plätzchen findet.

Da das ganze hier doch arg trocken ist, hier noch zwei Taktikaufgaben vom vergangenen Spieltag. Schwarz zieht jeweils und macht einen guten Zug. Die obere ist recht einfach, die untere dauert eventuell etwas länger.

Weiß hat gerade 12.d5 durchgezogen und blickte optimistisch in die Welt. Was übersah er? 12…?

Kurz nach der Zeitkontrolle. Weiß zog schnell den Sicherungszug 41.Td2 um ja die 40 Züge vollzumachen. Was erlaubt dies dem Schwarzen? 41…?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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