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Gernsheim I siegt gegen Niederbrechen knapp aber verdient mit 4,5 – 3,5: Ein schachlicher Rückblick

Alles rund um den gestrigen Spieltag gibt es in dem „etwas anderen Spieltagsbericht“. Dort werden auch alle wichtigen Fragen beantwortet, die man als Schachspieler einfach wissen muss (z.B. wie oft und warum eigentlich an einem Spieltag Kaffee gekocht wird). Daher lassen wir in diesem Bericht ausnahmsweise mal all das Geschwätz und springen einfach mal direkt in die Partien von gestern. Daher halten wir uns an die Chronologie vom Sonntag:

Tobias Schupp – Frank Rosenberger

Endstellung: remis

Remis nach fünf Minuten. Alle anderen 14 Spieler etwas überrascht. Nun gut, Remis mit Schwarz gegen Tobias Schupp ist grundsätzlich OK.

Peter Nies – Mieczyslaw Branowksi

Peter war eines der Opfer, die durch den kurzfristigen Zusprung von Robert sein geplantes Brett verlor, so dass Peter vermutlich nicht ganz vorbereitet in die Partie ging.

Es entwickelte sich eine Sizialinisch-Partie, die vermutlich nicht ganz den Hauptzweigen der Theorie entsprach.

Aktuell sehen wir eine typische Sizialinisch-Struktur. Peter entschied sich hier für Sxc6 (keine Ahnung, ob das Theorie ist…), was sicherlich spielbar ist, aber man merkt, dass hier auf den weißen ein starkes Bauernzentrum zukommen könnte, welches auch den weißfeldrigen Läufer aus dem Spiel nehmen könnte.

Einige Züge später hat sich das Zentrum schon in Bewegung gesetzt. Was tun? Peter entscheidet sich hier für den weiteren direkten Königsangriff mittels f5 – was vermutlich die falsche Entscheidung war. Tatsächlich ist das einfache Ld6 recht stark. Der Läufer auf b3 und der Springer auf c3 werden durch das starke Zentrum erst einmal aus dem Spiel herausgehalten und die restlichen Figuren können nicht so wirklich einen Angriff starten. Peter setzte nach Ld6 weiter auf Angriff und opferte den Bauer auf h2. Letztlich war es dann allerdings Schwarz, der in folgender Stellung nach Lf4 eine schöne Lösung fand:

Gesehen?

Schwarz fand hier Dxf4 nebst Sg3, was Dame und Figur tauscht. Das entstehende Endspiel war recht einfach, Schwarz gewann souverän.

Robert Mazurek – Dominik Garzynski

Ähnlich schlecht ging es für uns an dem nächsten Weiß-Brett weiter. Robert war am Ende unterwegs, es war lange unklar, ob er überhaupt spielen könnte. Vielleicht war er daher noch nicht so ganz bei der Sache. Die Eröffnung lief aber eigentlich noch ganz gut.

Robert hat das Läuferpaar, muss allerdings noch ein gutes Plätzlchen für seinen weißfeldrigen Läufer finden. Außerdem steht die weiße Dame deutlich besser als die schwarze, auch die d-Linie ist bereits besetzt. Einziges Problem ist das Feld auf d4, welches man unter Kontrolle behalten sollte. Richtig ist hier wohl, erst einmal die Entwicklung abzuschließen. In der Partie setzte Robert mit Sd5 fort und ließ nach 0-0 und Lg5 den Tausch auf d5 zu.

Plötzlich tauchte der gegnerische Springer auf d4 auf und Weiß muss sich schon ernsthaft Sorgen um seinen Turm machen…

Tatsächlich hatte der Turm keinen Ausweg mehr. Allerdings gab es nochmals eine Chance, in die Partie zurückzukehren:

Weiß muss sich um seinen Turm kümmern – schließlich droht g5. Auch Lxc5 ist gefährlich und gewinnt erst einmal einen Bauern. Eine Idee, den Turm zu retten, ist f4 – allerdings gewinnt hier Lxc5. da nach Kh1 plötzlich nach b5 die Dame kein Feld mehr hat. Interessant ist allerdings in der Diagrammstellung Dc4. Auf das logische g5 kann Weiß mit f4 einiges Gegenspiel aufbauen. Nach gxh4 fxe ist Se6 erzwungen, wonach Weiß nach dem Schlagen auf f7 noch die Dame für zwei Türme erhält. Das Materialverhältnis ist noch einigermaßen ok, auch wenn Schwarz auch hier besser steht.

Zwischenstand damit 0,5 – 2,5. Es sah nicht gut aus.

Uwe Schupp – Florian Lesny

Wer dachte, Uwe hätte es mit einem gerade so aus dem Hut gezauberten Ersatzspieler (kleines Kind) zu tun (so wie ich…), der wurde eines besseren belehrt, denn Uwes Gegner ist 13 Jahre alt und hat fast 2000 DWZ. Ein Super-Nachwuchs also.

Zu Beginn gab es gleich etwas für die Eröffnungs-Theoretiker:

Uwe hatte gerade b4 gespielt. Hängt der nicht? Doch tatsächlich, ein Bauernopfer von Uwe und schon zwei Bauern auf der vierten nach so wenigen Zügen! Suprise suprise. Aber zurück zur Partie. Die Idee, die mir Uwe danach erläuterte, liegt in den schwachen schwarzen Feldern. Nimmt Schwarz den Bauern mit, dann folgt La3 nebst evtl. Sb5 und Schwarz bekommt ernsthafte Probleme. Theoretisch scheint übrigens Sxb4 das stärkste zu sein, aber wer sieht denn so was?

Nachdem Schwarz das Bauernopfer eiskalt ablehnte, entwickelte sich eine positionell anspruchsvolle Stellung. Genau das richtige für Uwe also – ich hab die Stellung nicht so ganz verstanden, denn wer steht denn hier jetzt besser:

Der PC findet die Stellung von Schwarz wohl ganz gut, was vermutlich an der eher zurückgebliebenen Entwicklung des Weißen führt. Uwe wird für sich vermutlich die potentielle Schwäche des d-Isolanis anführen und außerdem die angreifbaren Bauern auf a und b.

Man merkte im Verlaufe der Partie allerdings, dass Uwe sich einfach mit diesen Stellungstypen auskennt, während sein Gegner nicht so wirklich wusste, wo die Figuren hingehören. So findet man beispielsweise in der Partiestellung plötzlich den Turm auf d8 (wo er eigentlich nichts macht außer den d-Bauern zu decken).

Damit hat Schwarz es verpasst, selbst Gegenspiel zu finden, während Uwe mit b5 den Weg frei macht zum Druckspiel gegen den zurückgebliebenen b7-Bauern und den d-Bauern. Entschieden wurde die Partie allerdings dann durch einen taktischen Fehler. Hierbei wurde Uwes Springer zum Megastar. Der Springer sprang in der Partie gefühlte 5 mal zwischen d5 und f4 hin und her und hin und her und hin und her. Vermutlich wurde der Gegner dadurch etwas gelangweilt, denn offenbar wusste der arme Springer gar nicht, dass es noch mehr Felder auf dem Brett gibt.

Uwe spielte gerade Lf4 und natürlich war allen Beteiligten klar, dass nach Lxf4 mal wieder Sxf4 folgt. Doch zur Überraschung aller (vor allem Uwes Gegner) verhoppelte sich der Springer offensichtlich und kam nicht auf f4 an, sondern auf f6 wo er die Dame gewann.

Der Gegner gab sofort auf, Anschluss zum 1,5 – 2,5

Lukas Rudolph – Kevin Mao

schon nach dem ersten Zug gab es großen Durchatmen – kein d4 gegen Kevin, das war schon ein gutes Zeichen. Trotzdem gab es in der Eröffnung einen kleinen Schreckmoment:

Kevin wollte damit beginnen, seinen Springer zum Königsflügel zu überführen. Allerdings ist Kevins Se7 hier doch etwas arg früh, denn nach d4 zeigt sich, dass man eben vor allem mit Schwarz in der Eröffnung die gleiche Figur nicht allzu oft ziehen sollte. Weiß wählte hier aber den falschen Plan und setzte mit b4 fort und parkte anschließend den Läufer auf b2.

Kevins Plan, einen Angriff auf dem Königsflügel zu starten, ließ sich dann auch gut an. Kevin formte über Sh5 und Sf4 den „Killerspringer“ und Weiß merkte so nach und nach, dass ihm ein wenig die Figuren auf dem Königsflügel fehlten:

Weiß hatte gerade Sa3 gespielt – vermutlich auch nicht die beste Wahl, den Springer so ganz weit weg vom gegnerischen Angriff hinzustellen. Kevin wäre aber nicht Kevin, wenn jetzt nicht welcher Zug käme? Genau, f5! Richtig, wenn f4 mit Weiß nicht geht, folgt eben f5 mit Schwarz 🙂

Kurze Zeit später kam es zu folgender Stellung. Hier wird es richtig schön – die Varianten sind zum Teil herrlich. Es lohnt sich, die Stellung mal anzuschauen.

Es folgt f4 (droht Txh2), f3 (erzwungen) Dxg3 Sc4 und nun packte Kevin Lh3 aus. Richtig spannend, denn wenn Weiß nun die Dame schlägt folgt Lxf1 und am Ende gewinnt Kevin den Läufer auf d3.

weiß fand Sxe5 (jetzt droht plötzlich Sf7 nebst Sxh6 + und Weiß kann die Dame doch nehmen. Kevin spielte Tf8. Und wieder stellt sich die Frage, ob Weiß die Dame nehmen kann. Auf hxg folgt Lxf1 und nach Dh2 folgt sensationell fxg!!

In der Partie folgt statt hxg einfach Tg1, wonach Kevin nach Dh4 mit einer Qualle mehr übrig blieb und locker gewann.

Bevor es zur nächsten Partie geht, aber nochmals zurück zu obigem Diagramm.

Was niemand gesehen hat (auch keiner bei der abendlichen Analyse bei Pizza und Schnitzel ;-)) ist, dass statt f4 das gar nicht so komplizierte Txh2 sofort gewinnt. Nach Kxh2 folgt f4 und nun kann Weiß das Matt praktisch nicht mehr abwehren.

2,5 – 2,5: Nun ging es um die verbleibenden drei Paarungen.

Alle drei Paarungen endeten praktisch gleichzeitig. Aber zunächst einmal zu

Martin Neumann – Mathias Meffert

Die Eröffnungsfreunde können raten, aus welcher Eröffnung diese Stellung entstand:

Tatsächlich kann die Stellung aus einigen Eröffnungen so oder so ähnlich entstehen. Hier haben wir eine Variation, die über Trompowsky entstanden ist (ok, nicht so schwer zu erraten, wenn man Martin kennt). Theoretisch ist hier h3 wohl das stärkste, die Dame soll dann später nach f3 gehen (auf Lh5 folgt g4 nebst Se5 und Weiß räumt das Feld f3 für die Dame). Martin spielte hier das schwächere Dd3, um möglichst schnell rochieren zu können.

Danach passierte eigentlich recht lange nicht allzuviel. Martin blieb weiter auf seinem Minusbauern sitzen und Schwarz musste sich eigentlich nur richtig verteidigen. Die Stellung ist allerdings nahezu ausgeglichen.

Allerdings tauschte Martin vielleicht ein wenig zu viel ab, jedenfalls sieht man eigentlich in nachfolgender Stellung, dass Weiß nicht mehr wirklich viel Spiel hat.

Der schwarzfeldrige Läufer auf e4 ist richtig stark und man erkennt nicht so wirklich, wo das Angriffsspiel des Weißen ist. Martin spielte nun das konsequente h6. Was nun? Das beste ist f6, wonach man nicht nur den Springer auf e5 vertreibt, sondern vor allem auch die siebte Reihe freiräumt, um Verteidiger zum Königsflügel zu beordern. Ein häufiger Motiv. Stattdessen folgte hier g6 – was sofort verliert. Martin spielte das schöne Sd7. Schlägt die Dame folgt Df6. Schwarz spielte Td8 und war De5 zu f5 gezwungen, was jedoch nach Sf6 nicht mehr zu halten ist. Letztlich fällt der Bauer auf h7 und Weiß läuft einfach durch.

Direkt nach dem Sieg von Martin gab es zwei Remisen von Frank und mir in vermutlich gewonnener Stellung. Wie kam es dazu:

David Henrich – Frank Wenner

Nach einigen etwas seltsamen Eröffnungszügen gelangten wir zu folgender Stellung:

Weiß hat hier schon einiges nicht so ganz optimal gespielt. Weiß besitzt die Kontrolle über das Feld d4, außerdem kann sich der zweite schwarze Springer auf c5 festsetzen. Außerdem ist h3 potentiell schwach und man fragt sich, was eigentlich die ganzen weißen Figuren so machen.

Es wurde für Weiß allerdings auch nicht besser. Frank spielte ein klasse Partie und spielte Weiß an die Wand.

Noch immer stehen die weißen Figuren nicht harmonisch, der König ist schwach, die schwarzen Figuren greifen stark an. Frank findet hier das starke g5, was weitere Linien öffnet und insbesondere den schwarzfeldrigen Läufer eine weitere Diagonale öffnet.

Kurze Zeit später ließ Frank allerdings den direkten Sieg liegen:

Es folgte Sxe4, was einen Bauern gewinnt. Stattdessen hätte man mit Le5 + nebst Tf8 die Partie entscheiden können. Es droht u.a. Lf4, es droht gegebenenfalls immer noch Sxe4 nebst Dg3, Weiß kann praktisch nicht mehr ziehen.

Aber natürlich war auch Franks Sxe4 ausreichend. In der Endstellung gab Frank angesichts des Mannschaftskampfes gemeinsam mit mir dann Remis. Hier seine Endstellung, die Frank bestimmt für sich entschieden hätte:

Zu guter Letzt:

Thorsten Römer – Maximilian Müller

Nachdem ich mit der gleichen Farbe schon vor einigen Jahren in Eschborn beim Open spielte, wollte ich eine recht frühere Abweichung spielen. So ganz erfolgreich war es wohl nicht. Ernsthafte Probleme gab es plötzlich in folgender Stellung:

Hier ist Sbxd4 tatsächlich richtig unangenehm. Was spielt man nun. Sxd4 nebst Sxd4 ist noch recht unspektakulär. Doch ein genauerer Blick zeigt, dass Schwarz ernsthafte Probleme hat, denn es droht richtig kräftig Sxe6 oder Lxe6, so dass das geplante Dc7 scheitert. Unschön ist auch, dass in der Variante Sxe6 fxe Lxe6 Kh8 Txd7 die Idee Dc6 (mit Doppelangriff auf Läufer und Matt auf g2) nicht funktioniert, weil Weiß einfach mit Lh3 decken kann. Das hatte ich zwar gesehen, dann aber wieder vergessen, als ich vorher Sc6 gespielt hatte. Weiß sah die Variante auch nicht, so dass ich einige Züge später die Möglichkeit bekam, in einer etwas unklaren Stellung einen Bauern zu gewinnen:

Weiß hatte mit dem Turm auf d4 genommen. Hier geht nun Lxf3, was eine längere Variante nach sich zieht, die dann quasi zwingend in folgender Stellung endet:

Nun fällt der Bauer auf a5. Dafür hat Weiß das Läuferpaar. Ohne den für uns nicht so tollen Mannschaftsstand hätte ich die Variante vermutlich nicht gespielt, aber vermutlich war es die einzige Möglichkeit, was aus der Stellung rauszuholen. Tatsächlich ist der PC zufrieden und sieht einen gesunden Mehrbauer.

Kritisch wurde es aber dennoch:

Nachdem ich mich nicht getraut habe, den Bauern auf b2 auch noch wegzunehmen, spielte ich gerade Sc4, um in ein besseres Turmendspiel abzuwickeln. Nach der Partie erfuhr ich, dass offensichtlich halb Schach-Deutschland (na gut, sagen wir mal alle im SK) mit dem weißen Lc5 gerechnet haben, wonach ich erst einmal einige Probleme gehabt hätte. Tatsächlich habe ich diese Zug noch nicht einmal gesehen. Glück im Unglück allerdings: Nach f5 ist die Stellung durchaus OK. Die Ideen mit Td8 etc führen nicht zu allzuviel, da zwischendurch auch mal Tc1 mit Grundreihenmatt droht.

Weiß entschied sich, in das Turmendspiel abzuwickeln:

Das Turmendspiel ist vermutlich remis, aber es ist wohl nicht so einfach. Auf f4 kann entweder b3 folgen was wohl den weißen TUrm erst einmal bindet. Ich hätte mich vermutlich für das schärfere g5 entschieden, was noch einige Schwächen provoziert und einen Weg für den Schwarzen König bahnt. Tatsächlich spielte Weiß hier nicht f4 und opferte mit g3 den Bauern auf e5.

Auch hier gab es dann ein Remis, als alles entschieden war. Auch die Endstellung bei mir war vermutlich – wie bei Frank – gewonnen, da man mit Th3 in die weiße Stellung eindringen kann:

Damit also 4,5 – 3,5.

Durch den frühen Rückstand war es eher knapp, allerdings hätten wir am Ende auch höher gewinnen können.

Griesheim hat „nur“ 4 – 4 gespielt, so dass wir uns nun am achten Spieltag nochmals ein Unentschieden leisten können, um trotzdem noch im direkten Duell den Aufstieg in die Oberliga erreichen zu können.

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