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Kurbedürftig in Bad Homburg – Spieltagsbericht der Ersten

Ersatzgeschwächt und nur zu Siebt erkämpft sich die Erste dank meist gutem Schach und etwas Glück beim Mitaufstiegskonkurrenten Bad Homburg ein 4-4 und bleibt damit nach dem 6. Spieltag oben dran

Sonntag, 5.2.2017, gegen 14.15h. Im Kurhaus Bad Homburg beginnt die Entscheidung um die Frage, wer die davon eilenden Griesheimer doch evtl. noch einholen könnte. Das Problem dabei: während die Bad Homburger in der Tat im Kurhaus saßen, standen sieben Gernsheimer wie ein Häufchen Elend leider nur DAVOR. In der Mitte der ansonsten sehr aufgeräumte, aber derzeit ratlose Mannschaftskapitän mit leicht gerötetem Kopf und Handy am Ohr. Was war passiert? Der Reihe nach.

Es ging bereits Tage vorher nicht gut los, denn es hagelte nacheinander Absagen. Ingo fehlte berufsbedingt, am Samstag meldete sich Robert krankheitsbedingt ab und am Spieltag selbst kam auch Frank W. gegen 10h noch durch und wies auf den erkrankten Ehepartner hin, der ansonsten mit zwei Kindern zu Hause bleiben müßte. Und da Eherettung natürlich vor Aufstiegskampf geht stand gegen 11h fest, dass wir mit drei Ersatzleuten antreten würden müssen: Tim R., Kevin und Uwe.

Gegen 12h dann die Entwarnung: Frank W. meldete sich nochmals und vermeldete wider Erwarten seine Einsatzbereitschaft (note to self: Frank fragen, wie er noch das ok seiner Frau bekommen hat; Trick dann bei Gelegenheit nächstes Mal selbst auch anwenden). So konnte Kevin dann doch in die Zweite zurück (und sorgte dort mit einem schönen Sieg auch für die Grundlage für den Mannschaftssieg gegen Nied 2).

Dann kam es zur oben beschriebenen Szene. Ich weiss nicht wem und wann, aber irgendwem fiel auf einmal siedend heiß ein, dass Tim R. ja morgens bereits in der 3. Mannschaft gemeldet war (und dort kampflos verloren hatte). Sollten wir uns dazu entscheiden, Ihn bei uns gegen Bad Homburg spielen zu lassen, hätte die Dritte statt des erspielten 5-3 Sieges eine 1-7 Klatsche am grünen Tisch aufgedrückt bekommen. Nach längerer Überlegung (wie gesagt, die Uhren waren bereits gedrückt…) entschieden wir uns, den extra aus Bad Hersfeld angereisten Tim wieder nach Hause zu schicken (DANKE nochmal vom ganzen Team hierfür, Tim!) und zu siebt anzutreten. Sehr kurbedürftig und bedröppelt schlichen wir also endlich an die Bretter und somit stand es dank des kampflosen Sieges Brett 2 also nach einer Stunde 1-0 für Bad Homburg, was gegen das stark besetzte Team natürlich ein denkbar schlechter Start war.

(Dunsbach – Mazurek 1-0 [kl.])

Da wir aber diese Saison nicht nur einen (wie normalerweise sonst), sondern sogar zwei Leute in der Mannschaft haben, die nahezu alles wegbürsten, was kommt, fiel der Ausgleich nicht viel später. Peter ist in dieser Saison ein absolutes Schwarzmonster und erweist sich in seinen typischen Eröffnungsstrukturen Französisch und Benoni als dem Gegner oft deutlich überlegen. Und obwohl er von der Papierform her die leichteste Aufgabe hatte müssen auch solche Partien erstmal gewonnen werden, zumal in einer affenartigen Geschwindigkeit.

(Heiming – Nies, nach 13…Tc8)

So weit, so theorielastig. Wie Peter mir hinterher bestätigte ist in diesen Strukturen das Problem, dass die meisten mit Weiss denken: ‘Ok, fast alles entwickelt, ich hab eigentlich nur einen vernünftigen Bauernhebel mit e4-e5, also bereite ich das mal eben vor, kann ja nicht schlecht sein.’ Ist es aber. Zum einen ist der Hebel noch weit weg, zum anderen schwächt 14. f4 (besser: den Lc1 mal rausschieben oder nen Turm in die Mitte stellen oder auch 14. Dc2, was das lästige …c4 zumindest nicht mit Tempo geschehen läßt) die Königsstellung. Die weisse Lage ist vom einen auf den anderen Zug sofort kritisch. Peter ließ sich nicht lange bitten: nach 14… c4 15. Dc2 Db6+ (die schwarzen Klötze nehmen alle mit Karacho am Spielgeschehen teil) 16. Kh1 erreichen wir folgende Stellung:

16…Tfe8 (verhindert weisses e4-e5, sollte das Pferd auf d7 sich mal nach saftigeren Wiesen am Damenflügel umsehen wollen) 17. Tf3 Sc5 18. e5 (Weiss opfert bereits einen Bauern um Gegenspiel zu erlangen). Erst hier beging Peter den ersten und einzigen Fehler in der Partie, was allerdings schwer zu sehen war und der Gegner auch nicht ausnutzte. Nach 18…Sb3

hätte das verblüffende 19. Le3 zu ungefährem Ausgleich geführt, denn nach 19…Sxa1 20. Db1 hängt der halbe schwarze Figurensatz: nicht nur der Sa1, sondern auch noch die Dame auf b6 und eine Leichtfigur auf f6. Da Schwarz die Dame ziehen muss bedient sich Weiss zunächst auf f6 und jetzt hängt neben dem Lg7 immer noch der Springer auf a1 – Weiss bekommt seinen Turm mit Zins zurück. In der Partie folgte das harmlose 19. Tb1 und nach 19…Sd4 20. Le3 dxe5 21. Dd1 Sh5 22. fxe5 seid ihr mit Schwarz am Zug. Was zieht Ihr (spoiler alert: der Gegner reicht daraufhin die Hand rüber)?

Yo. 22…Sxf3 und aus, denn Weiss hat nur die Wahl zwischen Figurenverlust auf e3 oder Matt auf g3. 1-1.

Weiter gehts mit einem Remis an Brett 7, wo sich der arme Gegner von Frank W. fragen musste, ob eigentlich alle Gernsheimer dieses symmetrische Englisch-Kraut spielen, bei dem die ersten gefühlten 70 Züge kaum etwas passiert und welches er bereits zweimal gegen Uwe auf dem Brett hatte.

(Wenner – Kroth, nach 9…b6)

Schwarz war sichtlich friedlich aufgelegt und hatte auf frühes …d5 verzichtet. Uwe, der das Geschehen natürlich aus Eigeninteresse intensiv verfolgte, stand in der Diagrammstellung hinter Frank und dachte: ‘Yo, jetzt noch 10. Ld2 was sowohl den Vormarsch am Damenflügel unterstützt als auch die Dame via c1 (mit Tempo, da Schwarz das unnötige …h6 einfliessen hat lassen) auf den Damenflügel läßt). Viel ist es natürlich nicht im Vorteilssinne, aber darum geht es ja in diesen Strukturen auch nicht. Frank zog das etwas schwächere 10. Sa4 um nach 10…a6 11. b4 cxb4 das stark aussehende 12. Le3 zu bringen.

12…bxa3 verbietet sich jetzt natürlich wegen 13. Lxb6 und der schwarze Damenflügel kippt aus den Latschen, aber sowohl 12…b5 also auch der Partiezug 12…Tb8 halten die Stellung in der Waage und nach den weiteren Zügen 13. axb4 b6 14. cxb5 axb5 15. Sc5 d6 16. Sb3 hat der Schimmel bereits zum vierten Mal gezogen und steht nicht besonders gut. Nach 16…Sd5 ist 17. Ld2 bereits erzwungen und wenn ein Bauer auf dem Brett zur Schwäche neigt, dann ist es der weisse auf b4.

Sogar das sofortige Schlagen mittels 17…Sdxb4 kommt in Betracht, allerdings kommt 18. Dc1 (wer aufgepasst hat, erkennt, dass wieder Mal der h6 hängt) und Weiss sollte Kompensation erhalten, da von nun an der b5 ein Target ist. Schwarz entschied sich für das ruhigere 17…Ld7 und nach wenigen weiteren Zügen endete die Partie zu Recht mit der Punkteteilung. 1,5-1,5.

An Brett 4 musste Emery gegen einen gesundheitlich sichtlich angeschlagenen Bad Homburger Recken ran und konnte frühzeitig Vorteil erzielen. Wie immer enthalte ich mich über die Vor- und Nachteile von Strukturen, die ich nicht selber spiele und halbwegs kenne, aber zumindest einen guten von einem schlechten Läufer kann ich bisweilen unterscheiden. Schauen wir mal auf das Diagramm:

(Isserman – Peterson, nach 11…a6)

Der angegriffene Läufer b5 muss offensichtlich ziehen. Wohin? Sowohl e2 als auch d3 bieten sich an. Das unintuitive 12. Lxc6 wird in der Tat vom Compi nicht mit Applaus goutiert. Ich vermute mal, dass sich Weiß  etwas dabei gedacht, vermutlich Druck gegen den rückständigen c6 zu entwickeln. Das bleibt jedoch Illusion und Emery hatte mindestens Ausgleich erreicht. Nach 12…bxc6 13. Le3 Tb8 14. Sfd2 fand er das ästhetisch ansprechende

14…a5, was die Schwäche b2 auf ewig festlegt und dem Lc8 deutlich mehr Beinfreiheit gewährt.

Die Vorentscheidung fiel überraschend früh und nur wenig später.

Im Diagramm hatte Emery bereits deutlichen Vorteil erlangt. Der angegriffene Ld2 sollte einfach irgenwohinziehen und obwohl die Stellung für Weiss kein Ponyhof mehr ist muss man das als Schwarzer erst noch gewinnen. Das schwache 22. Sxc6 verliert jedoch sehr einfach eine Figur und ich weiss nicht genau, was Weiß im Sinn hatte. Der Bauer a4 ist jedenfalls noch weit von seiner Metamorphose entfernt und kann von den schwarzen Leichtfiguren gut aufgehalten werden. Nach 22…Dxd2 hatte Emery für die restlichen 18 Züge für seine Verhältnisse noch sehr, sehr üppige 4 Minuten und gut 10 Züge später war die Partie zu Ende. 2,5-1,5.

Wenn wir vorher über Peters Schwarzstärke gesprochen haben, so kommen wir jetzt zum genauen Gegenteil. Schätzfrage: aus allen 7 Schwarzpartien zwischen Februar 2016 bis Januar 2017 (Liga und Pokal) hat Uwe wieviele Punkte geholt? Doch, ehrlich: Genau null! Immerhin: wenn die DWZ immer noch um die 2000 pendelt bedeutet das natürlich, dass die Weißperformance entsprechend war. Trotzdem waren das gegen den guten Bad Homburger Gegner (der vor der Partie 3,5 aus 4 hatte) keine optimalen Startvoraussetzungen. Und in der Tat ging es nicht gut los. Im Philidor-Endspiel wurde diese Stellung erreicht.

(Merkel – Schupp, nach 11…Ld6)

Beide waren nicht mehr im Buch. Weiss spielt das listige 12. Lc4 was den Umstand ausnutzt, dass der Ld6 ungedeckt ist. Und obwohl Uwe wußte, dass man den Läufer in einigen Abspielen in der Tat nach c7 spielen kann (oder wie hier: muß) erschien ihm dies hier nicht opportun, da c7 das natürliche Feld für den König ist. Der Compi ist übrigens unbeeindruckt und gibt in der Tat 12…Lc7 mit Ausgleich. Uwe entschied sich für 12…Lxc4 und plante nach 13. Txd6 Se8

14. Td2 f6 15. Thd1 Le6, was deswegen hält, weil die weissen Leichtfiguren einige Zeit brauchen um ins Spiel zu kommen. Dummerweise erkannte er erst NACH 12…Lxc4 beim nochmaligen draufschauen, dass 13…Se8 14. Txd7 aufgrund der Springergabel auf e5 die Partie sofort beendet. Was also tun? 13…Te8 hält gerade noch soeben alles zusammen, aber Weiss steht deutlich besser. Nach 15. Thd1 funktioniert das Entknoten via 14…Te7 nicht, warum?

Genau: 15. Sxe5 Sxe5 16. Td8 nebst Txa8 gewinnt die Qualle. Wenig später war jedoch guter Rat bereits unbezahlbar.

Schwarz ist am Zug und gegen 18. Sxe5 kaum ein Kraut gewachsen. Uwe versuchte die Verwicklungen nach 17…Sd5 und nach 18. Sxd5 (noch besser: 18. Txd7) Kxd6 19. Sb6+ Ke6 landete man wenig später in dieser Stellung.

Zwei Figuren für den Turm bei besserer Struktur muss natürlich gewonnen sein für Weiß, aber da noch keine Freibauern auf dem Brett rumlaufen, muss man das ganz auch noch nicht aufgeben. Erste schwarze Bürgerpflicht ist natürlich so schnell wie möglich an einem Flügel Gegenspiel zu kreieren. Nach 15 weiteren Zügen hatte Schwarz bereits etwas erreicht:

Der Bauer e4 könnte gefährlich werden und Schwarz steht generell sehr aktiv. Dennoch wäre die Partie nach 43. Sxa6 wohl gelaufen gewesen, denn der Ld2 hält den schwarzen Freibauern noch lange auf, während die weißen Freibauern laufen.

Stattdessen spielte Weiß überhastet 43. a5, nur um kurz danach Remis anzubieten. Und in der Tat: die Stellung ist auf einmal glatt ausgeglichen. Nach 43…e3 44. Lxe3 (43.Le1 ist nicht besser) Kxe3 45. Sxa6 Td3 sahen beide, dass der schwarze König via d4 zwei der Bauern aufhalten kann, während der dritte Opfer des Turms werden würde. Uwe nahm an und die Partie wird also wider Erwarten nicht in seinem noch unveröffentlichten Hauptwerk ‘Meine 1000 Pirc-Verlustpartien’ erscheinen. 3-2.

Wenn man im Lexikon unter ‘solide’ nachschaut, findet man übrigens ein Bild von wem? Eben. Und eben dieser Frank R. kam mit Weiss an Brett 5 in einen Paulsen Sizi, bei dem wir Gernsheimer davon ausgingen, dass er ihm eigentlich liegen müsste. Ich würde gerne mehr zur Partie sagen, aber verstehe beim wiederholten Durchspielen auch nicht genau, was schief lief. Möglicherweise war es dieser unmerkliche Zug 9. Lf3, der der Grund für die nachfolgenden strukturellen Themen wird. Witzigerweise ist das die theoretische Hauptfortsetzung, aber die Dose ist alles andere als zufrieden und gibt 9. Dd3 oder Te1 mit Ausgleich.

(Rosenberger – Lenz, nach 9. Lf3)

Das Problem ist, dass sich Frank bereits wenige Züge später einer schwerwiegenden Fragestellung widmen musste (siehe nächstes Diagramm, Stellung nach 11…Se5).

Soll man den Läufer kleinlaut nach e2 zurückstellen oder das Läuferpaar gar mit 12. Lxe5 selbst aufgeben? Wie ist das mit dem Doppelbauern? Ist der stark oder schwach? Ich hab mich neulich nach unserer Partie mit dem jungen Berliner Bundesligaspieler FM Brüdigam (Elo um die 2400) unterhalten, und er meinte, dass er den Paulsen oft mit Doppelbauer bekommt und noch öfter sogar selbst als Schwarzer das Läuferpaar aufgibt. Für die schwache Dynamik der Bauern erhält Schwarz starke Felderkontrolle und die Stellung ist zumindest meist nicht schlechter für Schwarz. Im aktuellen Fall glaubt Schachfreund Houdini dass Frank mit 12. Lxe5 richtig gehandelt hat, aber Schwarz genießt leichten Vorteil. Richtig kritisch war die Stellung aus unserer Sicht jedoch nur einmal, allerdings ist das folgende Bauernopfer durchaus nur etwas für Fortgeschrittene:

Die Dose glaubt, dass 27…f4 ein fieser Aushebler ist. Eine Variante lautet: 28. gxf4 exf4 29. Dxf4 Lxh4

und 30. Dxh4 scheitert nun an 30…Sf5+ mit Damengewinn. Die Diagrammstellung ist möglicherweise haltbar, aber spaßig ist aufgrund der deplatzierten weißen Figuren anders. Im vorvergangenen Diagramm spielte Schwarz das ruhigere 27…Tf8 und keiner der beiden wollte beim knappen Stand des Mannschaftskampfes in der nahenden Zeitnot fehlgreifen: Remis. 3,5-2,5.

Das vierte Remis in Folge an diesem Tag holte Maxi an Eins. Unser schwerstes Geschütz hatte ja zuletzt mit 5/5 in der Liga und zwei Turniersiegen (Frankenthal und Claus-Köpke Pokal, neudeutsch: CKP) für Aufsehen gesorgt. Woran das liegt, ist mir übrigens am Sonntag mal wieder klar geworden: wer ständig seine Frau und Managerin um sich hat, die alles für einen übernimmt, der performt gut: ‘Manon, hol mir mal nen Kaffee’, ‘Frau, Ich brauch ne Cola’, ‘Manon, mich kratzt am Rücken’, etc. Aber natürlich fehlt es nicht an Spielstärke. Was hättet Ihr hier zum Beispiel gezogen?

(Müller – Schmidt, nach 26…Dc6)

Ok, es war eine Fangfrage. Wie einige Mannschaftskollegen in der Analyse hinterher wollte ich Euch dazu bringen ein Qualitätsopfer a la Petrosian mittels 27. Txe4 zu bringen. Nach 27…fxe4 28. Dxe4 Dc5+ (es drohte heftig der Abzug 29. Sf6+ mit Angriff auf die Dc6) 29. Kh1

hält jedoch nur 29…e5 die Stellung gerade noch im Gleichgewicht. Falls Schwarz nämlich gar nichts macht kommt das ebenso einfach wie effektive 30. Sxe7 und selbst ein eventueller Damentausch ist nicht negativ für Weiß, da der starke Springer und der Freibauer auf f4 zusammen mit der Krücke auf d6 mehr als Kompensation für die Qualle bieten. Ein ruhiger Zug wie 29…Tff7 wird mit 30. f5 gekontert und der Schimmel kommt via f4 mit Verve auf vordere Plätze Richtung schwarzem Monarchen mit deutlich besserer Stellung. Ob Schwarz 29…e5 gefunden hätte? Wie auch immer, 27. Txe4 war nicht der beste Zug im vorvergangenen Diagramm, sondern 27. g3 – und das hat Maxi natürlich auch gespielt. Nach 27…Dc5 (Schwarz möchte gerne vereinfachen, um so die starke Stellung des Se4 noch besser zu akzentuieren) gab es hier letztmalig die Chance auf Vorteil zu spielen, aber dafür mussten die Damen unbedingt auf dem Brett bleiben.

Nach 28. Dd3 droht stark 29. b4 und das eben besprochene Opfer ist noch stärker. Daher also z.B. 28…a5 29. Kg2 e6 30. Sc3.

Jetzt wird die beste schwarze Figur abgetauscht und die Bauernschwächen auf den Zentrallinien hemmungslos entblößt. Wahrscheinlich immer noch haltbar, aber sicher angenehmer für Weiß. Auch Maxi hatte keine Lust womöglich zu überziehen und steuerte mit 28. Td1 (anstatt 28. Dd3) langsam aber sicher den Remishafen an. 4-3.

Über Martins Partie an Brett 3 könnte man einen eigenen Artikel schreiben. Da ich heute aber unbedingt noch online gehen möchte (die nächsten Tage sind busy und so) müssen wir uns auf das wesentliche kaprizieren.

(Neumann – Kaiser, nach 9…Dxf6)

Bis hierher stark vorgetragen von Martin gegen das gemächliche und nicht vollkommen fehlerfrei gespielte Tschechisch (Pirc mit 3…c6) des Gegners. Wie hätte er hier sehr früh in der Partie klaren Vorteil erlangen können?  (spoiler alert: Schwierigkeit 9/10, sorry dafür, kann auch nix dafür, dass die Jungs diesmal so schwere Kost abliefern).

Yep. 10. Se5 ist ungemein kräftig. 10…Lxe2 ist erzwungen und nach 11. Dxe2 hat Weiss die Entwicklung nahezu beendet, bereits rochiert und steht zu allerlei Schandtaten wie 12. exd5 cxd5 13. Sb5 oder auch 13. Db5+ bereit. Wenn er wirklich noch nicht auf Gewinn stehen sollte, so ist die Stellung für Weiss zumindest deutlich besser. In der Partie folgte die Permutation mit 10. exd5 exd5 11. Se5 und der Unterschied zur Variante gerade eben ist, dass jetzt das Feld f5 für den Lg4 zur Verfügung steht. Nach 11…Lf5

hatte Martin hier zum letzten Mal die Gelegenheit mit dem ungewöhnlichen Ausfall 11. Lh5 für Verwirrung im schwarzen Lager zu sorgen. Nach 11…g6 folgt der hübsche Einschub 12. Te1 und der Lh5 ist aufgrund häßlicher Abzüge des Se5 auf der e-Linie tabu.

Wenig später hatte Schwarz endlich rochiert und als sich all die zahlreich mitgereisten Gernsheimer Schlachtenbummler…Nein: …und als sich Manon bereits auf ein Mittelspielgeplänkel eingestellt hatte entkorkte Martin hier einen typischen Neumann (ist das jetzt ein Mao oder ein Neumann? – jemand muss mir mal die feinen Unterschiede bei inkorrekten Gernsheimer Opfern erklären!)

13. Lxd5. Wow. Auf den wärt Ihr nicht gekommen, oder? Nach der erzwungenen Schlagkaskade 13…cxd5 14. Sxd5 Dd6 15. Sxe7 Dxe7 16. Sg6

entschieden sich beide dafür, dass 16…Dxe1 unkritisch sein müßte, aber die Dose rät kühl zu diesem Zug und glaubt, dass der hohe schwarze materielle Vorteil nach 17. Dxe1 Lxg6 18. c4

die weissen Bauern mehr als aufwiegt. Wie auch immer, praktische Chancen hat Weiß auf alle Fälle und ich verstehe, warum 16…Dxe1 nicht ausgeführt wurde, was allerdings wie gesagt der beste Zug war. Das schwächere 16…Dd7 17. Sxf8 Kxf8 führt zu folgender Stellung und ich frage Euch: wie steht es hier?

Ich glaube, wenn man drei Schachspieler fragt, hat man gute Chancen drei verschiedene Antworten zu bekommen. Sportskanone Houdini sieht Weiss leicht im Vorteil. Die Stellung bietet reichlich Stoff für eine tiefe Analyse denke ich. Ab hier griff Martin mehrmals leicht fehl angefangen mit 18. d5. Wenig später stand es so und hier ging die Partie leider verloren.

Martin hatte die Dame gegeben und es war indiziert mittels 28. Tcd1 dem d-Bauern neuen Antrieb zu verleihen, wonach die Stellung im dynamischen Gleichgewicht ist. Das schwächere 28. Txb5 verliert nach 28…Dxd6 den einzigen Trumpf und die weissen Bauern am linken Flügel fielen wenig später wie reife Früchte. 4-4.

Mit sieben Mann ein Viervier beim Tabellendritten kann sich wie gesagt sehen lassen und im Grunde genommen ist die Situation nach dem Spieltag wie davor: zwei Siege in den nächsten Spielen vorausgesetzt müssen wir Griesheim, die zwei Punkte vor uns liegen und bislang jedes Spiel (!) mit 4,5 gewonnen haben, am letzten Spieltag so oder so schlagen, um uns beim Thema Aufstieg im Gespräch zu halten. Zunächst gilt es jedoch erstmal am 5. März 2017 gegen SK Niederbrechen – dann idealerweise vollzählig und vollkommen ausKURiert. Hehe.

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1 Kommentar zu “Kurbedürftig in Bad Homburg – Spieltagsbericht der Ersten

  1. Klar war 18. … Sb3 nicht der genauste. (Die Kiste sagt, dass diese Ehre 18. … dxe5 gebührt, 2. wäre 18. … Db3 gewesen und erst auf Platz 3 kommt der Partiezug) Allerdings stehe ich auch nach 19. Le3 Da5 20.exf6 Sxa1 21.Db1 Lxf6 22.Dxa1 b5 gefolgt von einem Bauernsturm auf dem Damenflügel (natürlich mit Unterstützung des schönen Benoni Läufers) ganz gut.
    Ich hatte in der Partie leider nur die Variante ohne den Einschub 19. Le3 gerechnet. Da funktioniert die Variante: 19.exf6 Sxa1 20.Db1 Lxf6 21.Dxa1 besser für mich, da nach 21. … Lxc3 22.bxc3 der Turm sich (ohne einen Blocker auf e3) auf e2 bedienen kann.

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