Landesklasse Süd Mannschaften

Katalanische Eskapaden

Nach dem 3-5 in Bad Soden am vierten Spieltag bleibt für die Zweite die Erkenntnis, dass die Landesklasse genau die richtige Liga sein könnte. Schöne Siege von Kevin und Robin reichen nicht aus.

Es hat nicht sollen sein. Vor allem bringt es auch nichts zu sagen, dass die Chancen da waren (denn die waren da, zu Hauf). Also, Mund abwischen und weiter gehts. Doch zunächst halt der obligatorische Blick auf das, was wir so haben liegen lassen.

In der Diagramm-Stellung gab Markus W. nach nur 16. Zügen sehr früh Remis. Hinterher brach die Diskussion los, inwieweit das sinnvoll war und ich enthalte mich hier natürlich eines grundsätzlichen Kommentars. Zu Markus Ehrenrettung muß man allerdings konstatieren, dass er die zwei Wochen vorher kaum laufen konnte, weil es Ihn ‘wie noch nie’ ans Bett gefesselt hat. Von daher war der ‘safety first’ Ansatz vertretbar. Wir waren uns hinterher alle schnell einig, dass Schwarz bereits Vorteil erlangt hat (die Dose bekräftigt dieses Urteil), da Weiß in der Eröffnung bereits einige unmerkliche, da langfristige Schnitzer begangen hat. Als wichtigster wäre sicherlich der Vorstoss d4-d5 zu nennen. Das beerdigt für geraume Zeit nicht nur den Lg2, sondern sorgt auch dafür, dass Weiß auf der Diagonalen a1-h8 keinerlei Halt finden kann. Nebenbei sind die Felder c5 und e5 empfindlich geschwächt und es drohen bereits gelegentlich Abzüge via … Sg4+. Der Sh4 steht unglücklich, während beide schwarzen Hopser etwas angreifen und aktiv stehen. Es droht bereits 17. … Tc5 und nach z.B. 18. e4 Tac8 gehört Schwarz die c-Linie und es beginnt eklig für Weiss zu werden, der das Remisangebot sicher gerne annahm. 0,5 – 0,5.

Die erste von zwei herben Enttäuschungen aus Gernsheimer Sicht folgte allerdings noch zu früher Stunde. Uwe hatte entgegen seiner Gewohnheit dem zahmen Larsen-Aufbau des Gegners energisch entgegengesetzt, ohne Not heterogene Rochaden und ein temporäres Bauernopfer aufs Brett gebracht. Wir blenden uns mal hier ein:

Der natürliche Zug wäre 15. … Kxc7 wonach die Stellung im Gleichgewicht ist. Klar hat Schwarz einen vereinzelten aber es ist fraglich, ob Weiß ohne c3-c4 überhaupt auskommen würde können. Das war Uwe allerdings zu wenig und er zog hier 15. … Tde8. Nach 16. Txd1 Te2 17. Sa3 a6 18. c4

war wiederum die Remisabwicklung mittels 18. … Kxc7 möglich, denn Weiß kann seinen Bauern nach 19. exd5 nicht halten. Auch das temporäre Opfer eines zweiten Bauern via 18. … d4 kam in Betracht, was Uwe aber wegen c5 nebst Aktivierung des Sa3 verwarf. Tatsächlich ist das aber ein sehr starker Zug und Weiß muss sehr genau spielen. Uwe wollte die Partie auf eine andere Art am laufen halten und kam auf 18. … The8 mit der Idee 19. cxd5 Sxd5 und der Springer ist wegen schwacher weisser Grundreihe tabu. Leider kam aber auch hier nicht viel heraus und Weiß fand die Ressourcen ins Remisendspiel. Und gerade als man allgemein einen Remisschluss erwartet hatte, passierte in dieser Stellung folgendes:

Schwarz, der kurz zuvor ohne Not Turmtausch angeboten hatte, verfügt über zehn legale Züge. Wenn man Königszüge auf die siebte Reihe mal aussenvorläßt (die verlieren natürlich sofort) bleiben noch sieben. Von diesen sieben, wieviele halten das Remis und wieviele verlieren? Was zieht ihr?

Auch wenns echt interessant und v.a. lehrreich ist (zumindest für die, die damals als in der ersten Klasse Bauernendspiele durchgenommen wurden nur im Klassenbuch und deshalb vor der Tür standen) kann ich nicht alle Varianten zeigen. Am besten freitags mal in Ruhe mit Maxi besprechen. Beide Königszüge zur Seite, sowie die Bauernzüge f5 und h5 machen einfach Remis. Eine Beispielvariante wäre:

32. … f5 33. gxf5 gxf5 34. h5 Ke6 35. Kc4 Kd6 36. a3 Kc6 und es gibt einfach kein Durchkommen.

Sowohl 32. … a5 als auch 32. … b5 sind nicht so klar, da es zu einem Rennen der Bauern und Damenendspiel mit Minusbauer kommt.

In der Partie fand Uwe tatsächlich den einzigen Bauernzug der glatt verliert und nach 32. … g5 33. fxg5 fxg5 34. hxg5 hxg5 35. Ke4 Ke6 36. a3 b5 37. b4 Kf6 38. Kd5 Kf7 39. Ke5

gab Schwarz auf, da der g5 nicht zu halten ist. Peinlich, weil einfach zu sicher gefühlt gepaart mit Enttäuschung, dass vorher nichts ging. 0,5 – 1,5.

Zu den wenigen Lichtblicken an diesem Sonntag zählte Kevin an Brett 1, der nach dem für ihn eher unerfreulichen persönlichen Saisonstart zeigen wollte, was ihn ihm steckt. Interessant war es im Grand-Prix Sizi zum ersten Mal hier. Ihr habt Weiß, fühlt Euch gut und spielt gegen einen nominell deutlich stärkeren Gegner. Was zieht Ihr?

Genau. 19. Shxf5 (19. Sgxf5 ist noch besser sagt die Dose, die Feinheit ersparen wir uns) öffnet den Sesam. Nach 19. … exf5 20. e6 wird Weiß über die e-Linie eindringen und zwar egal, ob Schwarz diesen Bauern schlägt oder die Dame wegzieht. In der Partie folgte letzteres und nach 20. … Dg6 21. exd7 Tad8 22. De6+ Kh7

hätte Kevin die Partie bereits entscheiden können, denn gegen 23. Db3 mit den Drohungen 24. Te6 und 24. Dxb5 ist kein Kraut gewachsen. Klar, geht noch weiter, aber der Rest ist Frage der Technik wie es so schön heißt. Nach dem Partizug 23. Dd5 fand Schwarz den einzigen Zug 23. … Dd6, was die Stellung gerade noch so eben zusammen hält.

Die Partie endete wenig später hier:

Schwarz hatte die Partie mehr oder weniger ausgeglichen, lehnte Kevins Remisanfrage ab und machte sich daran die Initiative zu übernehmen. Vor der Diagrammstellung hatte Kevin gerade 30. La5 gespielt. Und prompt tappte der Gegner in die Falle: 30. … g4+ 31. Kf2 Lxf4 32. Sh5+ Kg5 34. Sxf4 (nächstes Diagramm) und das nun geplante 34. … Kxf4 wäre an 35. Ld2 matt gescheitert.

Ohne Läufer hatte Schwarz bald keine Lust mehr und gab nach (etwas zu vielen) weiteren Zügen auf. 1,5 – 1,5.

Carls Partie an Brett 8…..konnte ich leider wegen Unleserlichkeit und fehlender Züge nicht rekonstruieren – trotz großer Mühe und mehrerer Aufrufe. Caaaarl, wenn Du diese Zeilen liest, mail mal bitte durch. Hehe. Carl verlor jedenfalls früh ne Figur von dem wenigen, was ich so gesehen habe. 1,5-2,5.

Der nächste Nackenschlag folgte an Brett 3, wo Jens früh daneben griff und besorgte Blicke der Nebensitzer auf sich zog. Im Allerwelts-Katalanen

fand er hier 5. Db3 und obwohl das streng genommen keine Neuerung ist (es gibt 3 von 278 Partien in meiner Datenbank) muss der Zug als minderwertig betrachtet werden. Nach einer weiteren Ungenauigkeit stand es sobald so. Wie gewinnt Schwarz am Zug?

Yo, Glück gehabt, denn der Gegner fand nur das minderwertige 9. … d4. Denn nach dem kräftigen 9. … Sd4 10. Dd1 (10. Da4+ b5 verzögert nur) Lf5 muss Weiß bereits die Qualle geben oder sich in die Agonie nach 11. Kf1 begeben.

Jens berappelte sich und als alles nach einem langsamen Auslaufen der Partie aussah geschah aber folgendes.

Schwarz ist wird sich gleich auf d3 bedienen und sofern der Springer g1 nochmal am Spiel teilnehmen wird geht die Partie vermutlich Remis aus. Die Aktivierung des Turms nach 22. Lxb6 axb5 23. Tc7 war indiziert. Man musste sehen, dass 22. … Sxd3 einfach mit 23. Kf1 Sxc1 24. Lxd8 Kxd8 pariert wird.

Weiß ist zwar immer noch übersichtlich entwickelt, aber aufgrund des reduzierten Materials sollte das ganze gehen.

Im vorvergangenen Diagramm zog Jens das schwache 22. Ke2 und nach Sxd3 23. Tc3 Sxc5 24. bxc5 La5 25. Tc2 Lb3 26. Tb2

bekommt nicht nur der Turm Knoten in die Beine aufgrund der starken schwarzen Läufer, sondern auch der weisse König wird innerhalb von 7 Zügen auf h6 sein Leben aushauchen.

Ähnlich wie bei Carl und Uwe gilt auch hier: abhaken und weiter geht’s. Damit war der Drops aber quasi gelutscht, denn es stand 1,5-3,5.

Das Sequel zu ‘Schräg gelaufene Katalanen – Teil 2’ passierte genau 50cm links daneben (ja, so klein waren die Abstände im Notquartier der Chesstigers), diesmal allerdings war Gernsheim der Nutznießer, genauer gesagt Franco, der hier auf die interessante Idee 9. … c3 kam.

was am Ende der Schlagkaskade auf c5 und c3 einfach zu einem Mehrbauern führt. Dieser wurde auch von Franco bis ins Endspiel konserviert und zum Beispiel hier hätte eben dieser die Partie vollstrecken können. Wie?

Der Bf6 ist offensichtlich angegriffen und das sowohl offensichtliche als auch sehr starke 40. … f5 hätte wohl entschieden. Der Punkt ist, dass die bislang gut koordinierten weißen Figuren aus dem Tritt kommen. 41. Sg5 stellt den Springer ins Abseits und nach dem natürlichen 41. Sc3 folgt 41. … Kc5 nebst … Sd5+, was den Blockeur des Bc4 vom Brett bitten würde oder andernfalls den Vormarsch des c4 erlaubt. In Zeitnot spielte Franco das schwächere 40. … Sd7 und die Partie endete weniger später mit einer Remisschaukel. 2-4.

Markus M. spielte an Brett 5 und kam gut aus der Eröffnung und nach einigen schwarzen Ungenauigkeiten hätte er hier bereits früh zuschlagen können. Seht ihr’s? (Spoiler alert: auch ruhige Züge helfen oft).

Um genau zu sein führen bereits viele Wege nach Rom. Die einzige sinnvolle schwarze Figur auf d5 kann wenn nötig vom Brett getauscht werden, wonach ein Riese auf e5 übrig bleibt. Wo der schwarze König hingeht, bleibt unklar, wie überhaupt der schwarze Plan. Und was macht man, wenn das direkte Reinhacken noch nicht geht? Genau, man stellt mal was besser. 20. Te1 oder auch 20. a4 mit Öffnung der a-Linie waren angesagt. Nach 20. Te1 (drohend 21. Lxd5 mit schrecklichen Abzügen auf der e-Linie) fällt einem auch nach langem Nachdenken kein brauchbarer Zug ein. Aus die Maus. Das gespielte 20. Le4 verstellt die e-Linie und drängt die schwarze Dame auf ein besseres Feld. Ja, der h7 fällt sogleich und Weiß bleibt im Vorteil, aber warum nicht lieber sofort gewinnen?

Nach und nach verflüchtigte sich Markusens Vorteil und er musste sich um die schwarzen Freibauern gedanken machen. Im nachfolgenden Diagramm war 45. Dd8+ unbedingt beachtenswert, was den König nicht via a5 entwischen läßt.

Nach 45. Sf8 gelangte der schwarze Monarch jedoch noch vor seine Bauern, die dann schlussendlich das Rennen machten. Symptomatische Partie für die gesamte Mannschaft: gut angefangen, stark nachgelassen. 2-5.

Zum Schluss gabs dann aber doch noch was Erfreuliches aus Schöfferstädter Sicht: Robin an Brett 7 spielte eine stark Partie, die es verdient als ganze gezeigt zu werden. Ich versuch das mal hier einzubauen. Es gab viele interessante Einzelmomente, zum Beispiel diesen hier:

Die meisten von uns hätten wahrscheinlich erst mal 52. Sxf5 gezogen und dann nachgedacht. Das ist an sich nicht schlecht, aber selbstbewußt zog Robin, der bei einer Partie übrigens ziemlich genau null mal aufsteht, hier erst 52. Dc6, denn nach Damentausch hat Schwarz keine Zeit den Sh6 zu nehmen, da sonst der c-Bauer Richtung Metamorphose-Feld rennt. Nach 52. … Dd8 53. Sxf5 exf5 gewannen die Zentralbauern erst den Läufer, und später die Partie. 3-5. Kurioses geschah übrigens noch in dieser Stellung:

Robin hatte gerade 62. Df7+ gespielt und halbherzig die Hand Richtung Gegner gestreckt in Erwartung dessen, dass dieser sie ergriff, um das Einsnull durch Matt zu besiegeln. Das tat der Gegner und erst nach einigem Gemurmel aus der Publikumstraube (das war ja die letzte Partie des Tages) und einem hilflosen ‘Jawassollnichnochmachn?’ erkannte der Gegner, dass er ja noch 62. … Kg5 hatte. Bei Gelegenheit muss mir mal jemand die Regel erklären (bzw. auch allen anderen Zusehern, denn keiner wusste so genau, was jetzt los war). Robin jedenfalls ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und verwandelte.

Also: welcome to the Mittelfeld. Weiter geht’s im neuen Jahr.

Print Friendly, PDF & Email