Mannschaften Oberliga

Erste spielt ’nur‘ 4-4 in Bad Nauheim – ‚ey, ich gewinn gleich ne Figur – oder ich bin Matt‘

Nach dem unglücklichen 4:4 am 2. Spieltag in Bad Nauheim bleibt für die Erste die Erkenntnis, dass sich Glück und Pech auch innerhalb von drei Wochen die Waage halten können

Nehmen wir’s vorweg: ein 5:3 oder möglicherweise noch etwas mehr war drin in der Wetterau, und in der Tat wollte auf der Heimfahrt so keine rechte Freude aufkommen. Aber erstens weiß man immer erst am Ende der Saison, ob der eine Punkt nicht doch zu irgendwas nütze ist und zweitens darf man nicht vergessen, dass wir zumeist ordentliches Schach aufs Brett gebracht haben, was nach dem 1. Spieltag (siehe letzter Bericht) unbedingt gesonderte Erwähnung verdient. Doch genug geschwafelt, lasst uns mal auf die Bretter schauen.

Insgesamt ging es nicht nur gut, sondern ausgezeichnet los. Schaut Euch an, was der seit Wochen in bestechender Form befindliche Peter mit Schwarz an Brett 6 gegen den älteren der beiden starken Wills aufs Brett zauberte. Im Diagramm ist noch nichts passiert, aber es bietet sich an, als Weißer zu fragen, was wohl der nächste schwarze Zug sein könnte, und in Ermangelung anderer sinnvoller Ideen kommt man möglicherweise auf … Sg4 mit der Idee … Ld4 oder auch … Se5 kommt natürlich stark in Betracht. Insofern kam das natürliche 15. h3 in die engere Auswahl.

In der Partie kam Weiß auf 15. e4, was ein überraschend schwacher Zug ist, auch wenn er nicht so aussieht. Nach 15. … Sg4 16. Lh3 fand Peter das starke 16. … f5, was die Stellung aus dem Gleichgewicht bringt. Es zeigte sich schnell, dass Schwarz nach 17. Lxg4 hxg4

18. Lf4 Te7 19. Dc2 h6 20. Tad1 g5 21. Lc1 Tf8 nicht nur das Läuferpaar, sondern eine starke Aktivität erlangen kann, während die weißen Figuren sehr bald Knoten in die Beine bekommen. Man beachte die Aktivität der beiden schwarz Läufer im besonderen. Die Stellung ist bereits klar besser für Schwarz und nach einigen weiteren weissen Ungenauigkeiten war das Einsnull eingetütet.

22. Td2 Tf3 23. Sd1 Ld4 24. b3 Sxd5 25. Se3 Sxe3 und 0-1. Ich hab hinterher nicht mit Patrick gesprochen was los war. Vermutlich nur ein normaler gebrauchter Tag wie wir ihn alle kennen und nicht lieben. 1-0.

Der zweite, aber nicht ganz so schnelle Schwarzsieg gegen einen Will (diesmal der jüngere Bruder Dominik) gelang Maxi an Zwo. Die Partie war insofern nett anzuschauen, als Weiss im Königsindischen Angriff ja normal am Königsflügel angreift, während Schwarz notgedrungen auf der anderen Seite nach Lösungen sucht. So weit so gut. Nur Maxi kam auf die vorwitzige Idee, ebendort alles zuzuschieben, um dann….den noch unrochierten König ebenso dorthin zu verfrachten. (Note to self: coole Idee, unbedingt ins eigene Arsenal aufnehmen und hemmungslos kopieren). Hier, und nur hier hatte Weiss einmal die Gelegenheit auf Gegenspiel – dafür allerdings gleich richtig.

Maxi hatte soeben mit 14. … 0-0-0 den König wegversteckt und der Gegner reagierte schablonenhaft mit 15. Sf1. Stattdessen ist die einfache Spielöffnung mittels 15. cxd5 exd5 16. Sb3 sehr stark für Weiss. Nun folgt auf nahezu jeden legalen schwarzen Zug das einfache 17. Lf4 und es ist nicht zu sehen, wie 18. e6 mit baldiger Blosslegung des Maximilianischen Königs zu verhindern wäre. In der Partie bemerkte Maxi seinen Fauxpas und riegelte die Stellung weitgehend ab mit 15. … d4. Damit war der Damenflügel zu und Maxi konnte ungehindert am Königsflügel Linien öffnen und wo das weisse Gegenspiel genau stattfinden sollte, blieb unklar. Entsprechend ging es allerdings Stück für Stück abwärts für Weiss und aus der Kategorie ‘Taktik für Beginner’ hier die Frage, wie Schwarz die Partie beendete?

Yo, nach 43. … Txg3+ 44. Kxg3 Txf1 fehlt Weiss eine ganze Figur, und daher 2-0 für uns.

Die dritte blitzsaubere Leistung brachte Frank R. aufs Brett und das gegen den Bad Nauheimer, der der Inbegriff der Solidität ist, von daher ist diese Leistung hoch anzusiedeln. Schaun wir uns doch das hübsche Ende der Partie mal an:

Der Kennerblick bemerkt sofort materielles Gleichgewicht, allerdings kann Weiss das Läuferpaar sowie einen Hauch aktivere Figuren reklamieren. Allerdings wäre ein schwarzer Läufer auf seinem Zielfeld d4 natürlich eine erhebliche Kompensation. Schnelles Handeln war also das Gebot der Stunde. Und wie hat man früher mal gelernt? Was ist der Vorteil des Läuferpaars? Also, den wirklichen mein ich jetzt, nicht sowas wie ‘Können alle Felder auf dem Brett von weit hinten belagern’ oder ‘sind dem kurzschrittigen Springer in vielen Endspielen überlegen’. Nein, ein wesentlicher Vorteil ist, dass man sich vom Läuferpaar wenn man will und bei Bedarf leichter trennen kann, als von einem Springer. So auch hier, und so transformierte Frank das Thema Läuferpaar-Vorteil in einen Mattangriff bei ungleichfarbigen Läufern. 27. Lxf6 Lxf6 28. Le4 De5 29. Dxh7 Kf8

und nun läßt das hübsche 30. Td7 ein Entrinnen des schwarzen Königs nicht zu. Hab ich erwähnt, daß auch Frank auf dem Weg ist, alte Form zurück zu finden? Nein? Dann jetzt. 3-0.

Hat Bad Nauheim eigentlich auch mitgespielt? Ja! Zu dieser Erkenntnis kam ausgerechnet unser sonst zuverlässiger Ersatzmann Franco an Brett 8. Dieser war während der Partie noch frohen Mutes, aber musste das im gleichen Satz bereits deutlich eingrenzen (‘Juhuu, ich gewinn gleich. Ähm, oder ich bin doch Matt.’). Wie Recht er doch behalten sollte. Was war passiert?

Weiss hatte ausgangs der Eröffnung einen kleinen Vorteil aufgebaut, der insbesondere auf dem Vorposten auf e5, der ja typisch für das London-System ist, beruhte. Warum Weiss nicht einfach die Stellung weiter verstärkte bleibt unklar und auch ob er kurz darauf die Figur einstellt oder doch gezielt geopfert hat, ebenso. Lehrreich ist die Partie insbesondere ab hier:

Weiß hat soeben 18. Lh4-f6 gezogen und es droht Matt auf g7. Der schnelle Blick aufs Brett zeigt, dass Schwarz sechs legale Züge mit dem Le7 hat, um dieses zu verhindern. Logischerweise ist als erstes das Schlagen zu prüfen, wofür sich Franco auch entschied. Nach 18. … Lxf6 19. Sxf6 haut der König via f7 ab. Nach 19. … Kf7 20. Sxe8 Kxe8 sagt die Dose, dass die Stellung für Schwarz erstaunlich ok ist. Ich bin mir aber nicht sicher, ob die beiden Spieler folgendes überhaupt in Erwägung gezogen haben. Taktikaufgabe, die Zweite: wie gewinnt Weiss nach 19. … Kf7 ?

Nach 20. Dg7+ Kxg7 21. Se8+ Kf7 22. Sxc7 hat Weiss eine ganze Qualle mehr und weil Schwarz auch noch den Ta8 ziehen muss hat Weiss nach 22. … Tb8 23. exd4 Ke7 24. d5

Zeit, den Springer zu retten, z. Bsp. 24. … exd5 25. Tae1 und das Feld e8 wird zugänglich.

Der zweite Teil der Aufgabe ist schwierig, oder? Von daher keine Vorwürfe an niemanden.Später kippte die Partie leider in für Franco besserer Stellung, aber mit König in der Mitte und bei knapper Zeit konnte er dem Druck nicht stand halten. 3-1.

Die nächste Entscheidung nach rund 4h fiel am Nachbarbrett bei Uwe. Hier gab es eine Neuauflage des Duells vom letzten Jahr, als Uwe es tatsächlich schaffte eine ‘Plus 3’ Stellung inkl. Mehrfigur noch zu verlieren (siehe Bericht vom 1. Spieltag letztes Jahr – damals allerdings noch ohne die schönen Diagramme – hehe.). Das schrie natürlich nach Revanche und es passierte erstmal….nicht viel. Im Pirc mit vertauschten Farben entschied sich der Gegner den direkten Angriff am Königsflügel mittels h7-h5-h4 und langer Rochade nur anzutäuschen, um dann schließlich doch kurz zu rochieren. Nach einigen Tauschoperationen blenden wir uns bereits direkt ins Endspiel ein:

Die schwarzen Freibauern sind einen Tick gefährlicher als der weisse d3, dafür ist der schwarze König etwas anfälliger. Das Material ist gleich verteilt und die Stellung ist ausgeglichen. Erste weiße Bürgerpflicht ist das Binden der schwarzen Figuren, dann die Unterbeschußnahme der schwarzen Bauern. Daher: 26. Lb7 und Schwarz stellt seinerseits seine Figuren etwas besser via 26. … Lf7. Nachdem der Läufer maximal aktiv steht, geht es an den nächsten Klotz. Viele offene Linien gibt es nicht, also 27. Dc1. Dito Schwarz: 27. … De6. Jetzt geht es darum die schwarzen Bauern nicht nur am vorgehen zu hindern, sondern auch anzugreifen. Aber wie? Im Prinzip kommen Dc3, Dc5 oder auch Dc7 in Betracht. Alle Züge unterscheiden sich nur in Nuancen. Uwe entschied sich bei knapper Zeit das Feld e1 gedeckt zu halten, damit Motive mit … De1+ und schnellem … b4 nicht funktionieren. Also 28. Dc3. Da Schwarz immer mal wieder mit Grundreihendrohungen konfrontiert ist folgte das prophylaktische 28. … g6. Jetzt weiter im Text und die schwarzen Bauern angegriffen! Nach 29. Da5 hängt der a6, aber Schwarz sah dies und zog flugs 29. … Da2. Was nun (siehe nächstes Diagramm)? Ins Leichtfigurenendspiel gehen mit 30. Dxa2 oder auf Matt spielen mit 30. Dd8+ nebst Bauernsturm am Königsflügel? Ein Zug hält die Stellung im Gleichgewicht, der andere gewinnt. Es sind noch zehn Züge bis zur Zeitkontrolle, ihr habt noch 5 Minuten auf der Uhr (ok, es gibt noch generöse 30sec Inkrement pro Zug) und der Kapitän hängt Euch im Nacken in Erwartung eines Punktes – was zieht Ihr?

Richtig, es galt zu erkennen, dass nach 30. Dxa2 Lxa2 31. Lxa6 b4 32. Kf1 b3 das bekannte Diagonalmotiv mit 33. Lc4 zum Tragen kommt und

der Damenflügel ist lahmgelegt).

Nach 32. Kf1 zog Schwarz daher 32. …  Lb1 und es folgte noch 33. Ke2 Kg7 34. Kd2 Kf6 35. Lc4 Ke5 36. Kc1 und aus. Revanche für das letzte Jahr geglückt und damit 4-1.

Jetzt sah alles nach einem Sieg für uns aus. Zwar standen Robert und Martin bereits kritisch, aber Frank Ws. Stellung war dank Mehrbauer mindestens Remis, was zum knappen Viereinhalb reichen würde. So der Plan und die imaginären Sektkorken knallten bereits.

Martin oblag die undankbare Pflicht zum zweiten Mal hintereinander die schwarzen Bauklötze zu führen – und das gegen den wohl zur Zeit stärksten Bad Nauheimer. Martin stand nach eher unpositioneller Eröffnung früh schlechter und musste ab Zug 11 ans Klammern denken. Neben dieser großen Kunst lag es auch am Gegner, dass die Partie nicht viel früher zu Ende war. Wie hätte Weiß die Partie zum Beispiel hier beenden können?

Eben. 18. Txd6 erzwingt Txd6 19. Lf1 Da4 (=das einzige Feld für die Dame) 20. Dxe5. Jetzt hängt nicht nur der Td6, der nicht ziehen darf, weil er der einzige Beschützer des Le6 ist, sondern es droht auch 21. b3 Da3 22. Lc5 mit Damenfang. In der Partie konnte Martin wie gesagt den unmittelbaren Verlust noch abwenden, aber das Ergebnis der Partie stand nie in Zweifel. Kopf hoch, Martin. 4-2.

Robert kam dagegen im Tschebanenko-Slawen gut aus der Eröffnung und hatte nach der Eröffnung alles was er brauchte, während sich Schwarz doch arg eigenwillig aufgebaut hatte. Die Stellung ist noch nicht gewonnen, aber nah dran. Was wäre zum Beispiel ein geeigneter Zug gewesen?

Yip, das einfache 16. Lxb5 Dxb5 (erzwungen, denn den Doppelbauern nach cxb5 wollt Ihr Euch nicht wirklich antun, oder?) 17. Db3 e6 (auch der Einzige) und nun gewinnt 18. Dc2 Material. Glaubt Ihr nicht? Gemach! Versucht mal den c6 zu decken. Aber klar, diese stillen Züge wie Dc2 sind leider schwer zu sehen.

In der Partie zog Robert 16. Sc4, was immer noch ok war, aber nach 16. … Sd7 und der fragwürdigen Abwicklung 17. Sc5 Saxc5 18. dxc5 Td8 19. De2 Lxc4 20. Txc4 Se5 landete er in einem Mittelspiel mit schlechteren Leichtfiguren, suchte sein Heil im Königsangriff und verlor. 4-3.

Aber da Frank W. ja besser stand war noch alles im Lot, nicht? Danach sah es aus, denn Frank hatte bis dahin eine wirklich ausgezeichnete Partie mit ganz wenigen Fehlern gespielt. Ich weiß, dass er sogar in besserer Stellung und ganz mannschaftsdienlich ein Remis angeboten hatte, welches der Gegner beim Stand von 4-3 ablehnte. Die Zeitkontrolle war geschafft, Schwarz zog schon seit einiger Zeit in Ermangelung sinnvoller Züge seine Dame auf den Feldern f6-g7-d7 hin und her. Also, jetzt mal in Ruhe reingeschaut und locker vollstreckt. Wie? (Denkt dran, man kann Partien auch mit einem ‘ruhigen’ gewinnen).

Ok, die Stellung ist nebenlösig, aber am klarsten gewinnt mal wieder der Zug, der die Figur besser stellt, die nicht mitspielt, und davon gibt es bei Weiß nur eine: 41. Lh3. Es droht das einfache 42. Le6+, denn der Läufer ist tabu (42. … Sxe6 43. Dxe6+ nebst 44. Txd8). Auch Königszüge verbieten sich wegen Matt auf der h-Linie bzw. Eingreifen des Turms via Tf1+. Da der schwarze Turm am Springer klebt, bleiben nur zwei Damenzüge, die den Sd4 gedeckt halten, nämlich 42. … Df6 und 42. … Dh8. Auf ersteres kommt mit 43. Tf1 nebst Le6 der schwarze Monarch unter die Räder und auf letzteres folgt das wunderschöne – Achtung – 43. Df5 (drohend Matt auf f7).

Falls 43. … Sxf5 so das einfache 44. Txd8 Kg7 45. Txh8 Kxh8 46. Lxf5 und aus. In der Partie zog Frank 41. Td3, was kein Fehler ist, denn der Turm möchte auf der h-Linie gegen Schwarz vorgehen. Nach wenigen weiteren Zügen inkl. Ungenauigkeiten stand es so:

Der Mehrbauer ist weg und die schwarzen Figuren stehen zumindest kompakt, aber vielleicht auch schon gefährlich nah am weißen Monarchen. Schachs jeder Art wären wohl sehr ok gewesen. Entnervt vom verpassten Gewinn verfiel Frank auf 46. Tf4, was zweizügig den Läufer und die Partie nach 46. … Dh8+ 47. Lh3 Td2+ 48. Kg1 Dxh3 wegwarf. 4-4.

(Note to self: Frank noch ’ne SMS schicken zwecks Trösten und dabei nochmal auf die eigenen Unzulänglichkeiten am Ende der letzten Saison hinweisen. Und die Geschichte von wegen gemeinsam als Mannschaft zu gewinnen und zu verlieren – oder – ähem – gemeinsam Unentschieden zu spielen).

Damit sind wir geteilter Dritter (zusammen mit Bad Nauheim) von 10 Teams und der nächste Spieltag am 6. November 2016 wird dann wohl sowas wie ne erste Standortbestimmung bringen, denn dann ist das erste Drittel der Saison auch schon wieder rum. Wir bekommen es mit Dettingen (2 Punkte) zu tun, mit denen wir uns regelmäßig knappe Duelle liefern. Das eigentliche Spitzenspiel steigt aber in Bad Homburg (4), die mit Griesheim (4) die Klingen kreuzen werden. Die Spannung ist bereits mit Händen zu greifen. Beziehungsweise auch nicht, denn es sind ja noch gut drei Wochen. Hehehe.

Print Friendly, PDF & Email